Unerwartet

Mein Ort abgewandt

von denen, die neben mir stehen –

 

im Zweifel, ob die Heimat,

zu der ich unterwegs bin,

nicht schon hinter mir ist,

 

treten meine Schritte

den Boden unter sich fest,

 

bis ein Wurzelgrund mich

an den Begleiter erinnert,

 

der nicht aufgehört hat,

mich mit offenen Armen zu erwarten.

Windstille

Noch bevor Du einen Schritt

auf Dinge zugehst,

sind sie um Dich gestellt,

werden ihre Atemzüge spürbar,

 

bis Du in ihrer Stille stehst,

lautlos aufgerichtet

von der Geste der Bäume,

 

einen gläsernen Augenblick lang –

 

Du betrittst ihn wie auf Zehenspitzen,

um nicht die Kinderaugen zu ängstigen,

mit denen der Himmel Dich anschaut.

 

 

 

 

Armut

Die Dinge reissen sich ihre Kleider vom Leib,

damit Du sie erkennst –

 

was Dich daran hindert, sie zu ergreifen,

sind diejenigen, die Du in den Händen hältst,

und nicht damit rechnen,

dass Du sie loslässt.

 

Unter Dir ein Geräusch,

das Dir wie ein Vorwurf nachhallt,

 

bevor eine unterscheidende Stille Dich empfängt,

vor der sich Dinge

klar wie ein Kindergesicht abzeichnen

 

und Dir ihre rosigen Hände hinhalten.

Schrittgeräusche

Bergende Hand,

die sich mir als Erde hinhält,

 

meine öffnend in sich einfaltet,

sich unmerklich so wendet,

dass ich am Abend den Mond sehen kann –

 

meine Schritte zeichnen

ihre Linien nach,

bis ich ihr Abendbild wiedererkenne,

das mich erinnernd bei sich hält

 

und mich nach Hause wiegt.

Regen

Mit seinem Fallen

steht sein stetes Wort,

 

melodieloses Wiegenlied,

wortloses Flüstern,

 

Hand, die sich unaufhörlich

herabsenkt,

ihren Abdruck

auf dem Boden hinterlässt –

 

Siegel eines nahenden Frühlings.

 

Vertrautheit

Unveränderlich bergende

Geste eines Raumes,

 

als befände ich mich,

wo ich stehe, in seiner Mitte,

als wäre ihm das Geräusch meiner Schritte

vertraut wie der eigene Pulsschlag –

 

die Zeit wie von Händen

zu Augenblicken geöffnet,

die er stille ineinanderfaltet

 

zu einem Blütengebilde,

dem keiner meiner Atemzüge verlorengeht.

Sophie Scholl (und die Geschichte dazu)

Die Geschichte zu dem unten folgenden Text wird erzählt vom Film „Sophie Scholl – die letzten Tage“ – es ist die Geschichte der Geschwister Scholl, die in der Zeit des zweiten Weltkrieges im Widerstand gegen das Regime arbeiten, sich „Die weiße Rose“ nennen, sich mit Flugblättern sich an das Gewissen der Bevölkerung  richten, es zu wecken, die Wertelosigkeit und -verkehrung „von unten auszuhebeln versuchen“ – die Gefahren, in die sie sich durch das Drucken und Verielfältigen ihrer Schriften bringen, nehmen sie bewusst in Kauf. Bis sie beim Verteilen ihrer Schriften in der Münchener Universität erwischt, ins Polizieverhör und schließlich vor den Gerichtshof gebracht werden. Die Geschichte endet mit dem Martyrium der beiden.

Der Film erzählt nicht nur die Geschichte der Geschwister – mit dem besonderen Augenmerk auf Sophie Scholl – er fängt auch die Stimmung der kollektiven Angst ein, die zu der Zeit (es ist das Jahr 1943, in der Krieg bereits verloren war, und nur noch sinnlos verlängert werden konnte) überall herrschte. Und er zeigt den Mut und auch die Einsamkeit, mit der die beiden aus der Menge herausstehen und Zeugnis geben.

Besonders greifbar wird dieses Zeugnis in der Schilderung der Gerichtsverhandlung, in der Sophie Scholl dem obersten Reichsrichter gegenübersteht, der sie mit lautstarken und sinnlosen Parolen einzuschüchtern versucht, und dem sie mit ihrer schlichten Überzeugung antwortet – und der Film zeigt, wer von beiden der Ohnmächtige ist – und wer von beiden das letzte Wort behält, unabhängig von Verurteilung und Hinrichtung.

Deshalb ist es auch ein Film, der, in aller schonungslosen Darstellung und Aufdeckung von Angst und Gewalt, hoffnungsvoll ist, und zeigt, dass auch diese Zeit der Geschichte ein menschliches Gesicht gehabt hat.

 

 

Unter all den Masken im Gerichtssaal

das einzige Gesicht –

 

die Rede, zu der sie gestellt wird,

zieht einen Kreis,

der sie alle so verloren aussehen lässt,

 

und mit der Zeit kippt das Gespräch

zu immer kurzatmigeren Wiederholungen

und immer hörbareren Worten –

(„Was wir sagen, das denken ja so viele.“)

 

die Hörenden entziehen sich

durch das Entfernen der Sprechenden –

 

nach verlesenem Urteil und Abführen ist es,

als hätten sie die einzige Anwältin

gegen das Todesurteil von sich gewiesen,

das sie über sich gefällt haben –

 

das abschließende Schweigen im Saal

erstickt jede Stimme,

 

umgeben von einem unerreichbar hellen Horizont.

Zerbrechlichkeit

Noch eben konnte ich die Fernen greifen,

es hebt sich von den Dingen die Kontur –

das Licht verblasst zu einem Silberstreifen,

der Tag, er geht und mit ihm seine Spur-

 

und noch kein Stern und keine Sternenhelle,

der Raum entsteigt und löst sich von den Wänden –

wir geh´n und gehen, gehen auf der Stelle,

die Nacht, sie steht mit unsichtbaren Händen –

 

und würde uns die Welt nicht an sich halten,

wir fielen in die Sterne ohne Halt,

doch hält sie uns wie zitternde Gestalten –

der Tag, er naht heran und nimmt Gestalt.

Zwei und Eines

Unser Leben ist getragener

als unser vorzeitiges Handeln,

 

unsere Erinnerung nachhaltiger

als unser vergleichendes Denken,

 

unser Augenblick pünktlicher

als die kreisende Zeit,

 

unser Möglichsein gegebener

als unsere hinfälligen Fähigkeiten.